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Grippe-Epidemien

Bereits seit Tausenden von Jahren hat es immer wieder Grippe-Epidemien gegeben. Die älteste erhaltene, schriftliche Überlieferung stammt vom griechischen Arzt Hippokrates, dem "Vate" der Medizin. Er berichtete im Jahre 412 v. Chr. von einer Krankheitswelle, deren Symptome ganz auf die Grippe hindeuten. Historiker machen eine Epidemie, die sich 415 v. Chr. in der Athenischen Armee in Sizilien ausbreitete, sogar für den späteren Untergang des Stadtstaates Athen verantwortlich. Eine weitere bedeutende Grippewelle wird auf 1173 datiert, sie erfasste ganz Europa. Und 1580 ist die erste Kontinentübergreifende Grippe-Pandemie belegt, die Europa, Asien und Nordafrika mit voller Härte traf.

Die größte medizinische Katastrophe aller Zeiten: die Spanische Grippe

Auch wenn der Name anderes vermuten lässt - die so genannte Spanische Grippe ging ursprünglich nicht von Spanien aus, sondern trat erstmals in einem Militärlager in Kansas/USA auf. Im März 1918 verspürte ein Soldat die typischen Symptome Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Hals- und Kopfschmerzen.

Eine simple Erkältung, befand der Truppenarzt - doch das war ein tödlicher Irrtum. Es handelte sich um eine neue Form der Influenza, der "echten" Grippe - doch das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Der vermeintlich erkältete Soldat infizierte seine Kameraden, die wiederum ihre Familien ansteckten. Mit den Truppentransporten wurde die Krankheit in viele Teile der Welt getragen, besonders nach Europa. Hatten sie sich angesteckt, dann waren amerikanische, deutsche und französische Truppen für Tage, oft auch Wochen, lahm gelegt. Selbst die als besonders unerschütterlich bekannte englische Flotte konnte im Mai 1918 wochenlang nicht in See stechen - zu viele Männer waren erkrankt.

Der Name Spanische Grippe hat sich vermutlich eingeprägt, weil sich fast zeitgleich zum ersten Auftreten in Kansas im spanischen San Sebastián vergleichbare Fälle der vermeintlichen Erkältung häuften. Schnell waren in ganz Spanien acht Millionen Menschen erkrankt. Da sich die Spanier im Kriegsverlauf zu diesem Zeitpunkt noch immer neutral verhielten und - im Gegensatz zu den Krieg führenden Nationen - keine Nachrichtensperre verhängten, war es also überall bekannt, dass die rätselhafte Erkrankung, die sich erst viel später als Grippe herausstellen sollte, in Spanien grassierte. Die Amerikaner dagegen versuchten, die Epidemie auch aus militärtaktischen Gründen zunächst geheim zu halten. Dass die Krankheit in Wahrheit wohl von amerikanischen Soldaten über Frankreich nach Spanien gelangt war, machte keinen Unterschied mehr, der Name blieb einfach "haften".

Über die Ursachen wurde viel gerätselt: Anfänglich wurde vermutet, dass die Rückstände von Giftgasen aus Kriegswaffen die Erkrankungen hervorriefen. Dann hielt man fälschlicherweise den so genannten Pfeiffer’schen Influenzabazillus für den todbringenden Auslöser. Ein geheimnisvolles, unsichtbares Virus lag in der Luft. Und niemand konnte etwas dagegen tun. In dieser ersten Phase erkrankten zwar viele Menschen, doch die Sterberate hielt sich in Grenzen. Niemand erkannte den Ernst der Lage. Schließlich hatte es auch zuvor immer wieder rätselhafte Krankheitsfälle gegeben - doch dass gegen diesen neuen Erreger niemand immun war, ahnten die Menschen nicht.

Neue Grippewellen rollen an

Fast schon hatten die Menschen die Grippe-Episode vom Frühling vergessen. Da folgte im Juli und August 1918 ein neuer Erkrankungsschub. Er erfasste diesmal auch die Teile der Welt, die von der ersten Welle verschont worden waren, Afrika, Südamerika und Kanada. Während die Menschen in Amerika nun monatelang unerbittlich von der Grippe in den Würgegriff genommen wurden, war der "Alten Welt" im Spätsommer eine kurze Phase der Ruhe vergönnt.

Doch dafür traf die nächste - und tödlichste - Welle Europa mit der Wucht einer mittelalterlichen Seuche. Von Frankreich ausgehend überrollte mit Beginn des Winters 1918 eine Flut von Erkrankungen die Bevölkerung im Deutschen Reich. Gezeichnet von den Folgen des Krieges, unterernährt und geschwächt konnten die Menschen dem Virus nichts entgegensetzen. Die Ärzte waren machtlos; es blieb nur die Empfehlung der Gesundheitsbehörden, eine Schutzmaske über Mund und Nase zu ziehen, damit die Infektion nicht so leicht durch Husten oder Niesen übertragen werden konnte. Schulen, Fabriken und öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen, um die Ansammlung größerer Menschenmengen zu verhindern. Vor allem junge Menschen in der Blüte ihres Lebens fielen jetzt - sowohl in Deutschland wie auch in den anderen Ländern - der Grippe zum Opfer. Ungewöhnlich, denn sonst waren stets Kinder und alte Leute die ersten Opfer.

Die Viren ziehen sich zurück

Wenige Monate später, zu Beginn des Jahres 1919, ebbte die Krankheitswelle allmählich ab. Immer weniger Neuinfektionen traten auf; immer weniger Menschen starben. Nur vereinzelt wurden aus entfernten Ländern noch Grippefälle gemeldet. Die schlimmste Pandemie seit Menschengedenken war vorüber - und es wurde Zeit, Bilanz zu ziehen. Die Zahlen waren erschütternd: Rund 250.000 Opfer gab es allein in Deutschland zu beklagen, weltweit waren es über 20 Millionen Tote. Am schlimmsten traf es Indien mit schätzungsweise zehn Millionen Toten, die USA und Italien meldeten jeweils eine halbe Million Grippeopfer. Innerhalb von nur wenigen Monaten starben mehr Menschen an der Spanischen Grippe als seinerzeit in den Jahren der mittelalterlichen Pest. Eine der größten medizinischen Katastrophen der Menschheit traf die Bevölkerung zu einer Zeit, als die Erforschung der Infektionskrankheiten noch in den Kinderschuhen steckte.

Das Rätsel um die Grippeviren wird gelöst

1933 gelang es englischen Forschern endlich, das erste Influenzavirus zu isolieren. In den folgenden Jahren wurden weitere Typen von Grippeviren entdeckt. 1940 wurde der erste Impfstoff eingeführt. Ab 1960 wurden weltweit Grippeschutzimpfungen durchgeführt.

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Ausgrabungen und Entdeckungen

Die Spanische Grippe geriet im Lauf der Jahrzehnte immer mehr in Vergessenheit. Nur wenige Wissenschaftler beschäftigten sich noch mit der Frage, warum gerade dieses Virus so erbarmungslos zugeschlagen hatte. Was war so Besonderes an ihm? Die Molekularbiologie hatte mittlerweile große Fortschritte gemacht, man besaß ganz andere Möglichkeiten zur Entschlüsselung der Viren als in den Jahrzehnten davor. Die Chance, das Geheimnis des "Killer-Virus", wie es von vielen genannt wurde, zu entschlüsseln, war deutlich gewachsen. Doch woher sollte man nach so vielen Jahren noch Proben des Virus der Spanischen Grippe bekommen?

1995 begann ein Team des Armed Forces Institute of Pathology (AFIP) in Rockville, USA, eine Gewebebank mit mehreren Millionen Präparaten zu durchsuchen. Es fanden sich tatsächlich Gewebeproben von Soldaten, die der Grippe-Epidemie von 1918 zum Opfer gefallen waren. Trotz modernster Hilfsmittel dauerte es noch ein Jahr, bis das tödliche Virus identifiziert war, doch zunächst konnten nur Teile der Gensequenz isoliert werden.

Dann trat ein weiterer Influenza-Experte auf den Plan. Der Pathologe Johan Hultin hatte bereits 1951 Grippeopfer im Permafrostboden von Alaska exhumiert, in den Gewebeproben jedoch keine Influenzaviren nachweisen können. 1997 reiste der inzwischen 73 Jahre alte Hultin zur erneuten Exhumierung nach Brevig. Und diesmal hatte er mehr Glück: Er fand einen noch relativ gut erhaltenen Leichnam. Die große Fettschicht hatte die Organe des übergewichtigen Opfers so gut isoliert, dass sie selbst in vergleichsweise "warmen" Perioden nicht aufgetaut waren. Dank neuer Techniken in der Molekularbiologie gelang nun das für unmöglich Gehaltene: Fast 80 Jahre nach der großen Tragödie konnte mit Hilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) die Gensequenz des gefährlichsten Influenzavirus aller Zeiten vollständig entschlüsselt werden.



© Procter & Gamble Service GmbH über Medicalpress.de / Veröffentlicht am 13.10.2008